BENAMOR

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Premiere
Theater an der Wien
23. Jänner 2026

Dirigent: José Miguel Pérez-Sierra

Inszenierung: Christof Loy
Bühne: Herbert Murauer
Kostüm: Barbara Drosihn
Licht: Fabrice Kebour
Choreographie: Javier Pérez

ORF Radio-Symphonieorchester Wien, Arnold Schoenberg Chor

Benamor - Marina Monzó
Dario - Federico Fiorio
Pantea - Milagros Martín
Abedul - David Alegret
Juan de Léon - David Oller
Rajah-Tabla - Alejandro Balinas Vieites
Jacinto - César Arrieta
Alifafe - Francisco J. Sánchez
Babilón - Joselu López
Nitetis– Sofía Esparza
Cachemira - Nuria Pérez

Tänzerinnen und Tänzer: Margarida Abreu, Laura Garcia Aguilera, Carla Pérez Mora, Chiara Viscido, Gorka Culebras, Joni Österlund, Bernardo Ribeiro, Alberto Terribile


„Erotische Verwechslungskomödie“

(Dominik Troger)

Zarzuela-Klänge erwärmen den Wiener Jänner-Frost und im Theater an der Wien knistern erotisch exotische Begierden: denn der Sultan von Persien ist kein Mann und seine Schwester ist keine Frau!

Bizarr, wenn in Folge der Sultan Dario seine Schwester verheiraten möchte und sich selbst dabei in einen der drei Brautwerber verknallt, während die Schwester sich eine Odaliske des Harems anlacht und zwei Freier schwer vermöbelt. Als Ausweg hilft dann nur mehr eine Bildungsreise ins ferne Europa, damit vor den spähenden Augen der Untertanen verborgen der Mann zum Mann und die Frau zur Frau reifen kann, während Mama Sultan in Persien derweil den Laden schupft.

Dass diese Handlung (inklusive einer Pause) eine knapp dreieinviertel Stunden lange Aufführung trägt, ist ein bisschen viel verlangt
und sie tut es auch nicht. Vor allem dem Ende zu ging dem Premierenabend ein wenig die sprichwörtliche Luft aus. Aber diese „Überlänge“ ließ man sich dann doch gerne gefallen, weil es über weite Strecken ein amüsanter Abend gewesen ist.

Dabei muss man mit aktuellen gesellschaftlichen Strömungen gar nicht auf dem Laufenden sein: Das Changieren zwischen Geschlechtergrenzen hat mit „Benamor“ der spanische Komponist Pablo Luna bereits 1923 auf die Bühne gebracht. Die Fluidität des menschlichen Eros hat natürlich auch damals schon die Menschen fasziniert – und Regisseur Christof Loy hat der Produktion im Theater an der Wien dankenswerter Weise keine ideologisch unterfütterte Indoktrination angedeihen lassen. Also doch ein bisschen „seicht“ das Ganze? Ja, aber auf eine entspannende Art.

Loy hat sich nur einen wichtigen „Kunstgriff“ gegönnt: Er hat die Partie des Sultan Dario mit einem Sopranisten besetzt. Bei der Uraufführung lag das herrschaftliche Geschwisterpaar fest in weiblicher Hand. Aber Loy ist es auch zu verdanken, dass diese Zarzuela ihren Weg nach Wien gefunden hat. Der deutsche Regisseur hat in den letzten Jahren zu diesem Genre eine neue, „junge“ Liebe entdeckt. Aber wenn er wirklich dieses spanische „Operettenäquivalent“ in deutschen Landen bekannter machen möchte, dann hat er ein dickes Brett zu bohren.

In Wien beispielsweise hat sich in der Vergangenheit die Beliebtheit von Zarzuelas in überschaubaren Grenzen gehalten. Dass vor bald zwanzig Jahren sogar Placido Domingo im Theater an der Wien einmal Zarzuela gesungen hat, ist auch längst in den Annalen der Wiener Musiktheater-Historie entschwunden. Die Premiere war den leeren Plätzen nach zu schließen (vor allem am III. Rang) nicht ausverkauft – und für die Folgevorstellungen gibt es laut Onlineverkauf noch ausreichend Karten.

Loy beließ der Welt des Sultans das geschmackvolle, historisierende Kostüm und eine anspechende Kulisse, erst im zweiten Akt, wenn ein Marktplatz gezeigt wird, war festzustellen, dass für die gewöhnlichen Untertanen nur Alltagsgewänder übrig geblieben sind – und der Mitras gewidmete Feuertanz hätte sich im „Trikot“ üppiger zeigen können und nicht nur „schwarz“. Aber Loy versteht sein Handwerk, läßt die Komödie zum Zug kommen, und vertraut dem Zarzula-versierten Ensemble. Gespielt und gesungen wird in Originalsprache mit deutschen Übertiteln. Dadurch erhält die Produktion eine anregende Authentizität und bewahrt das Publikum vor einer „kalauernden“, modernisierten Übersetzung. Viel Situationskomik spricht ohnehin für sich selbst.

Als musikalischer Leiter wurde sogar José Miguel Pérez-Sierra von Madrid nach Wien geholt. Pérez-Sierra hat 2021 im Teatro de la Zarzuela eine Produktion von „Benamor“ geleitet. Er hat das Radio-Symphonieorchester Wien (zu) lautstark spielen lassen, und Lunas amalgamierte, mit Operttensound, patriotisch-spanischem Kolorit, Modetänzen, Fanfarentönen angereicherte und pointiert auf den Effekt berechnete Komposition e
rklang etwas grob.

Dem Bühnenpersonal wird viel abverlangt: Singen, Sprechen, Tanzen – und das gelingt schwungvoll. Im Mittelpunkt des Geschehens steht das Geschwisterpaar: Federico Forio als Dario mit sopranähnlicher Stimme, wenn auch im Timbre etwas matter und mit gepflegt zurückhaltendem Auftreten, sowie Marina Monzó als männliche Schwester Benamor, ein darstellerisches und gesangliches Energiebündel.

Den Großvesier, den nach jedem Liebesakt Gehörlosigkeit plagt, gab David Alegret. Alegret hat vor Jahren schon an der Volks- und an der Staatsoper als Rossini-Tenor reüssiert. Wie Forio überzeugte er auch im gesanglichen „Finetuning“. Der draufgängerische Abenteurer Juan de Léon (David Oller) begann mit guter Höhe, sein Tenor baute im Laufe des Abends aber zunehmend ab. Die beiden aristokratischen Brautwerber wurden von Alejandro Balinas Vieites (als rauer Rajah-Tabla) und von César Arrieta (als sensibles Muttersöhnchen Jacinto) gut getroffen. Als vom weiblichen Sultanbruder begehrte Odaliske Nitetis ließ Sofia Esparza körperliche Reize spielen.
Milagros Martín war in der Sprechrolle der Pantea eine besorgt-amüsante Sultans Mutter. Ohne im Detail auf die weitere Besetzung einzugehen, soll  angemerkt werden, dass insgesamt in gesanglicher Hinsicht doch einige Wünsche offen geblieben sind. Und der Arnold Schoenberg Chor fühlt sich auch in einer Zarzuela wohl.
 
Das Publikum ließ sich gerne mitreißen und am Schluss gab es rund sieben Minuten lang viel Applaus, während das Orchester
jetzt dirigentenlos animiert weiterspielte und das Beifallsprozedere mit flotter Musik untermalte.