|
„Erotische Verwechslungskomödie“
(Dominik Troger)
Zarzuela-Klänge
erwärmen den Wiener Jänner-Frost und im Theater an der Wien knistern
erotisch exotische Begierden: denn der Sultan von Persien ist kein Mann
und seine Schwester ist keine Frau!
Bizarr,
wenn in Folge der Sultan Dario seine Schwester verheiraten möchte und sich selbst
dabei in einen der drei Brautwerber verknallt, während die
Schwester sich eine Odaliske des Harems anlacht und zwei Freier schwer
vermöbelt. Als Ausweg hilft dann nur mehr eine Bildungsreise ins ferne
Europa, damit – vor den spähenden Augen der Untertanen verborgen – der Mann
zum Mann und die Frau zur Frau reifen kann, während Mama Sultan in
Persien derweil den Laden schupft.
Dass diese Handlung (inklusive einer Pause) eine knapp dreieinviertel
Stunden lange Aufführung trägt, ist ein bisschen viel verlangt – und
sie tut es auch nicht. Vor allem dem Ende zu ging dem
Premierenabend ein wenig die sprichwörtliche Luft aus. Aber diese „Überlänge“ ließ man sich dann doch gerne gefallen,
weil es über weite Strecken ein amüsanter Abend gewesen ist.
Dabei muss man mit aktuellen gesellschaftlichen Strömungen gar nicht
auf dem Laufenden sein: Das Changieren zwischen Geschlechtergrenzen hat
mit „Benamor“ der spanische Komponist Pablo Luna bereits 1923 auf die
Bühne gebracht. Die Fluidität des menschlichen Eros hat natürlich auch
damals schon die Menschen fasziniert – und Regisseur Christof Loy hat
der Produktion im Theater an der Wien dankenswerter Weise keine
ideologisch unterfütterte Indoktrination angedeihen lassen. Also doch
ein bisschen „seicht“ das Ganze? Ja, aber auf eine entspannende Art.
Loy hat sich nur einen wichtigen „Kunstgriff“ gegönnt: Er hat die
Partie des Sultan Dario mit einem Sopranisten besetzt. Bei der
Uraufführung lag das herrschaftliche Geschwisterpaar fest in weiblicher
Hand. Aber Loy ist es auch zu verdanken, dass diese Zarzuela ihren Weg
nach Wien gefunden hat. Der deutsche Regisseur hat in den letzten
Jahren zu diesem Genre eine neue, „junge“ Liebe entdeckt. Aber wenn er
wirklich dieses spanische „Operettenäquivalent“ in deutschen Landen
bekannter machen möchte, dann hat er ein dickes Brett zu bohren.
In Wien beispielsweise hat sich in der Vergangenheit die Beliebtheit
von Zarzuelas in überschaubaren Grenzen gehalten. Dass vor bald zwanzig
Jahren sogar Placido Domingo im Theater an der Wien einmal Zarzuela
gesungen hat, ist auch längst in den Annalen der Wiener
Musiktheater-Historie entschwunden. Die Premiere war den leeren Plätzen
nach zu schließen (vor allem am III. Rang) nicht ausverkauft – und für
die Folgevorstellungen gibt es laut Onlineverkauf noch ausreichend
Karten.
Loy beließ der Welt des Sultans das geschmackvolle, historisierende Kostüm und eine anspechende Kulisse, erst im zweiten
Akt, wenn ein Marktplatz gezeigt wird, war festzustellen, dass für die
gewöhnlichen Untertanen nur Alltagsgewänder übrig geblieben sind – und
der Mitras gewidmete Feuertanz hätte sich im „Trikot“ üppiger zeigen
können und nicht nur „schwarz“. Aber Loy versteht sein Handwerk, läßt
die Komödie zum Zug kommen, und vertraut dem Zarzula-versierten
Ensemble. Gespielt und gesungen wird in Originalsprache mit deutschen
Übertiteln. Dadurch erhält die Produktion eine anregende Authentizität
und bewahrt das Publikum vor einer „kalauernden“, modernisierten
Übersetzung. Viel Situationskomik spricht ohnehin für sich selbst.
Als musikalischer Leiter wurde sogar José Miguel Pérez-Sierra von Madrid nach Wien geholt. Pérez-Sierra hat 2021 im Teatro de la Zarzuela eine Produktion von „Benamor“ geleitet. Er hat das Radio-Symphonieorchester Wien
(zu) lautstark spielen lassen, und Lunas amalgamierte, mit
Operttensound, patriotisch-spanischem Kolorit, Modetänzen,
Fanfarentönen angereicherte und pointiert auf den Effekt berechnete
Komposition erklang etwas grob.
Dem Bühnenpersonal wird viel abverlangt: Singen, Sprechen, Tanzen – und
das gelingt schwungvoll. Im Mittelpunkt des
Geschehens steht das Geschwisterpaar: Federico Forio als Dario mit sopranähnlicher Stimme, wenn auch im Timbre etwas matter und mit gepflegt zurückhaltendem Auftreten, sowie Marina Monzó als männliche Schwester Benamor, ein darstellerisches und gesangliches Energiebündel.
Den Großvesier, den nach jedem Liebesakt Gehörlosigkeit plagt, gab David Alegret.
Alegret hat vor Jahren schon an der Volks- und an der Staatsoper als
Rossini-Tenor reüssiert. Wie Forio überzeugte er auch im gesanglichen
„Finetuning“. Der draufgängerische Abenteurer Juan de Léon (David Oller)
begann mit guter Höhe, sein Tenor baute im Laufe des Abends aber
zunehmend ab. Die beiden aristokratischen Brautwerber wurden von Alejandro Balinas Vieites (als rauer Rajah-Tabla) und von César Arrieta (als sensibles Muttersöhnchen Jacinto) gut getroffen. Als vom weiblichen Sultanbruder begehrte Odaliske Nitetis ließ Sofia Esparza körperliche Reize spielen. Milagros Martín war in der Sprechrolle der Pantea eine „besorgt-amüsante“ Sultans Mutter. Ohne im Detail auf die weitere
Besetzung einzugehen, soll angemerkt werden, dass insgesamt in
gesanglicher Hinsicht doch einige Wünsche offen geblieben sind. Und der
Arnold Schoenberg Chor fühlt sich auch in einer Zarzuela wohl.
Das Publikum ließ sich gerne mitreißen und am Schluss gab es rund
sieben Minuten lang viel Applaus, während das Orchester – jetzt dirigentenlos – animiert
weiterspielte und das Beifallsprozedere mit flotter Musik untermalte.
|
|