LE GRAND MACABRE
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Staatsoper
20. März 2026

Musikalische Leitung: Pablo Heras-Casado

Nekrotzar - Georg Nigl
Piet vom Faß - Gerhard Siegel
Astradamors - Wolfgang Bankl
Mescalina - Marina Prudenskaya
Gepopo / Venus - Sarah Aristidou
Amanda - Maria Nazarova
Amando - Isabel Signoret
Fürst Go-Go - Xavier Sabata
Weißer Minister - Daniel Jenz
Schwarzer Minister - Hans Peter Kammerer

Rufflack - Andrei Maxsimov

Schobiack - Alex Ilvakhin
Schabernack - Dohoon Lee


„Gelungene Weltrettung

(Dominik Troger)

An der Staatsoper entsteigt er wieder seiner Gruft: der große Makabre Nekrotzar. Es handelt sich um die erste Reprise von „Le Grand Macabre“ nach der Premiere im Herbst 2023. Vier Vorstellungen sind angesetzt, besucht wurde die zweite Vorstellung der laufenden Serie.

Auf der Bühne stand im Wesentlichen die bereits bewährte Premierenbesetzung. In der Rolle des Fürsten Go-Go gab Xavier Sabata sein Rollendebüt im Haus am Ring. Neu besetzt waren auch die Partien des Rufflack, Schobiack und Schabernack. Naturgemäß hat auch dieses Mal der Weltuntergang nicht stattgefunden, weil die Breughelländer erneut den bösen Nekrotzar unter den Tisch gesoffen haben. Leider funktioniert diese Strategie zur Apokalypsenabwehr nur in Opernhäusern.

Gemessen am Provokationspotential von György Ligetis Oper ist die Staatsopern-Variante in der Inszenierung von Jan Lauwers allerdings recht zahm ausgefallen. Die von ihm dem Figurenkatalog hinzugefügten Tänzerinnen und Tänzer sind mit ihrer deutlich gezeigten Erotik alles andere als „makaber“ und „behübschen“ den drohenden „Weltuntergang“. Die Schauplätze werden auf der offenen Bühne viel zu vage angedeutet und die brutale Groteske so mancher Szene wird durch Klaumauk verwässert.

George Nigl hat den Nekrotzar wieder mit Leib und Seele verkörpert. Gerade die zeitgenössische Oper braucht solche „Sing-Darsteller“, die sich mit viel Spürsinn und ohne Vorbehalte in eine Rolle werfen – und der Nekrotzar ist außerdem eine dankbare Partie. In Nigls Ausprägung wird
Nekrotzar zum wendigen Demagogen, mehr Maulheld als  Apokalyptiker, den der Sänger mit schlankem Bariton und mit volkstribunenhaftem Redeschwall auf die Bühne stellt (einige Textunsicherheiten inbegriffen): ein Balanceakt zwischen Widerlichkeit und Selbstüberschätzung.

Fraglich ist, ob Nekrotzar nicht einen düsteren, gefährlicheren Eindruck hinterlassen sollte, damit sein Scheitern mehr Gewicht erhält? Nigls Rollenporträt hat die Tendenz, die Figur schon vom ersten Auftritt an in ihrer Selbstüberschätzung zu entlarven. Aber letztlich ist das auch eine Sache des Regiekonzepts. Außerdem profitierte – wie schon in der Premierenserie – das Bühnengeschehen stark von Gerhard Siegels geerdetem Piet vom Faß und von Wolfgangs Bankls Astramador. Ab dem dritten Bild gesellte sich dann noch Xavier Sabata als ebenso auch im Schauspielerischen überzeugender Fürst Go-Go hinzu.

Marina Prudenskaya gab erneut die dominahafte Mescalina. Sarah Aristidou widmete sich als Venus und  Gepopo mit artistischer Hingabe den von Ligeti verlangten „Stratosphärentönen“ und musste dazu wieder diesen riesigen Reifrock bändigen. Maria Nazarova und Isabel Signoret fiel es wieder zu, dass hoffnungtragende Liebespaar zu geben, das von der Inszenierung zu blass „eingefärbt“ wird. Unterstützt wurde das Ensemble wie schon bei der Premiere vom Slowakischen Philharmonischen Chor.

Ein Glanzpunkt der Aufführung war das Staatsopernorchester, das unter der Leitung von Pablo Heras-Casado Ligetis komplexe Musik auch in der Groteske auf Wohlklang bettete und im austarierten Zusammenspiel den drohenden Weltuntergang „romantisch“ abfederte. Aber darf man Ligeti überhaupt so „schön“ spielen?

Doch „Le Grand macabre“ besteht nicht nur aus (in diesem Fall sehr melodisch zum Tröten gebrachten) „Autohupen“, sondern genauso aus „empfindsamer“ Musik. Ein Beispiel dafür ist das Liebesduett von Amanda und Amando am Ende des ersten Bildes, in dem die  Streicher zu Momenten tristanscher Verklärung finden und zart „entschweben“. Wahrscheinlich gehört den beiden ohnehin die eigentliche Sympathie des Komponisten, hat die Mär vom Weltuntergang ihre Liebe doch nicht angefochten, hat ihre Lebensfreude die demagogischen Attacken Nekrotzars unbeschadet überstanden.

Der den Mut der Staatsoper bekräftigende Schlussapplaus, die Oper wieder auf den Spielplan gesetzt zu haben, brachte es auf eine Länge von rund sechs, sieben Minuten. Der Publikumsschwund in der Pause war nicht zu übersehen und hinterließ deutlich wahrnehmbare Lücken in den Sitzreihen.