„Gelungene Weltrettung“
(Dominik Troger)
An
der Staatsoper entsteigt er wieder seiner Gruft: der große Makabre
Nekrotzar. Es handelt sich um die erste Reprise von „Le Grand Macabre“
nach der Premiere im Herbst 2023. Vier Vorstellungen sind angesetzt,
besucht wurde die zweite Vorstellung der laufenden Serie.
Auf
der Bühne stand im Wesentlichen die bereits bewährte
Premierenbesetzung. In der Rolle des Fürsten Go-Go gab Xavier Sabata
sein Rollendebüt im Haus am Ring. Neu besetzt waren auch die Partien
des Rufflack, Schobiack und Schabernack. Naturgemäß hat auch dieses Mal
der Weltuntergang nicht stattgefunden, weil die Breughelländer erneut
den bösen Nekrotzar unter den Tisch gesoffen haben. Leider funktioniert
diese Strategie zur Apokalypsenabwehr nur in Opernhäusern.
Gemessen am Provokationspotential von György Ligetis Oper ist die Staatsopern-Variante in der Inszenierung von Jan Lauwers
allerdings recht zahm ausgefallen. Die von ihm dem Figurenkatalog
hinzugefügten Tänzerinnen und Tänzer sind mit ihrer deutlich gezeigten
Erotik alles andere als „makaber“ und „behübschen“ den drohenden
„Weltuntergang“. Die Schauplätze werden auf der offenen Bühne viel zu
vage angedeutet und die brutale Groteske so mancher Szene wird durch
Klaumauk verwässert.
George Nigl hat den
Nekrotzar wieder mit Leib und Seele verkörpert. Gerade die
zeitgenössische Oper braucht solche „Sing-Darsteller“, die sich mit
viel Spürsinn und ohne Vorbehalte in eine Rolle werfen – und der
Nekrotzar ist außerdem eine dankbare Partie. In Nigls Ausprägung wird Nekrotzar
zum wendigen Demagogen, mehr Maulheld als Apokalyptiker, den der
Sänger mit schlankem Bariton und mit volkstribunenhaftem Redeschwall
auf die Bühne stellt (einige Textunsicherheiten inbegriffen): ein
Balanceakt zwischen Widerlichkeit und Selbstüberschätzung.
Fraglich ist, ob Nekrotzar nicht einen düsteren, gefährlicheren
Eindruck hinterlassen sollte, damit sein Scheitern mehr Gewicht erhält?
Nigls Rollenporträt hat die Tendenz, die Figur schon vom ersten
Auftritt an in ihrer Selbstüberschätzung zu entlarven. Aber letztlich
ist das auch eine Sache des Regiekonzepts. Außerdem profitierte – wie
schon in der Premierenserie – das Bühnengeschehen stark von Gerhard Siegels geerdetem Piet vom Faß und von Wolfgangs Bankls Astramador. Ab dem dritten Bild gesellte sich dann noch Xavier Sabata als ebenso auch im Schauspielerischen überzeugender Fürst Go-Go hinzu.
Marina Prudenskaya gab erneut die dominahafte Mescalina. Sarah Aristidou
widmete sich als Venus und Gepopo mit artistischer Hingabe den
von Ligeti verlangten „Stratosphärentönen“ und musste dazu wieder
diesen riesigen Reifrock bändigen. Maria Nazarova und Isabel Signoret
fiel es wieder zu, dass hoffnungtragende Liebespaar zu geben, das von
der Inszenierung zu blass „eingefärbt“ wird. Unterstützt wurde das
Ensemble wie schon bei der Premiere vom Slowakischen Philharmonischen Chor.
Ein Glanzpunkt der Aufführung war das Staatsopernorchester, das unter der Leitung von Pablo Heras-Casado Ligetis
komplexe Musik auch in der Groteske auf Wohlklang bettete und im
austarierten Zusammenspiel den drohenden Weltuntergang „romantisch“
abfederte. Aber darf man Ligeti überhaupt so „schön“ spielen?
Doch „Le Grand macabre“ besteht nicht nur aus (in diesem Fall sehr
melodisch zum Tröten gebrachten) „Autohupen“, sondern genauso aus
„empfindsamer“ Musik. Ein Beispiel dafür ist das Liebesduett von Amanda
und Amando am Ende des ersten Bildes, in dem die Streicher zu
Momenten tristanscher Verklärung finden und zart „entschweben“.
Wahrscheinlich gehört den beiden ohnehin die eigentliche Sympathie des
Komponisten, hat die Mär vom Weltuntergang ihre Liebe doch nicht
angefochten, hat ihre Lebensfreude die demagogischen Attacken
Nekrotzars unbeschadet überstanden.
Der den Mut der Staatsoper bekräftigende Schlussapplaus, die Oper
wieder auf den Spielplan gesetzt zu haben, brachte es auf eine Länge
von rund sechs, sieben Minuten. Der Publikumsschwund in der Pause war
nicht zu übersehen und hinterließ deutlich wahrnehmbare Lücken in den
Sitzreihen.