„Es lebe die Opernparodie“
(Dominik Troger)
Das
Theater an der Wien hat den Februar mit einer vergnüglichen
Opernparodie von Florian Leopold Gassmann ausklingen lassen. „L’opera
seria“ nimmt nach allen Regeln der Kunst die Opera seria und den
Opernbetrieb auf die Schaufel. Die Premiere war vorzüglich gearbeitet
und ein voller Erfolg.
Gassmanns
„Commedia per musica“ wurde 1769 im Burgtheater am Michaelerplatz
uraufgeführt. Als Parodie auf die Opera seria und den Opernbetrieb im
Allgemeinen bietet sie auch rund 250 Jahre später dem Publikum durchaus
ergötzliche Momente. Eifersüchteleien unter Künstlern, Animositäten und
übertriebene Selbstdarstellung soll es schließlich auch heutzutage noch
geben.
Das Libretto stammt von Ranieri de‘ Calzabigi, diesem wichtigen
Proponenten der Gluck’schen Opernreform. Calzabigi schildert über
drei Akte die Vorbereitungen für eine Aufführung der „fiktiven“ Oper
„L’Oranzebe“ und deren Scheitern. Dabei macht er sich über die Künstler
ebenso lustig wie über die in seinen Augen überkommene Gattung der
Opera seria – und schlussendlich lässt er noch den Impresario mit der
Kassa das Weite suchen. Ihm (und überhaupt allen Impresari) gilt
der finale Racheschwur der übertölpelten Künstlertruppe.
Gassmann hat Calzabigis Libretto mit einer musikalischen Mischung
aus (teils parodierter) neapolitanischer Barockoper und Frühklassik
versehen. In den langen Ensembles zu den Aktschlüssen ist der Weg zu
Mozart nicht mehr weit. Auch wenn viele zeitgenössische Anspielungen
einem heutigen Publikum nichts mehr sagen werden, hat sich dieses
über weite Strecken der Aufführung sehr gut unterhalten.
Das Theater an der Wien zeigt eine Koproduktion mit der Mailänder Scala. Laurent Pelly hat
mit seinem bekannten Spürsinn für komische Oper inszeniert. Er stellt
die handelnden Personen in den Mittelpunkt, gekleidet in leicht
verfremdete Kostüme aus der Entstehungszeit der Oper. Er hat sie zudem
mit einer exakten Personenregie versehen, die mehr stilisiert als
psychologisiert und in der sich Opera seria-hafter „Formalismus“ und
Buffo-Elemente mischen.
In dem nahezu leergeräumten Bühnenbild, das monochrom in weißen,
grauen, schwarzen Tönen gehalten ist, wird die Komödie optisch
allerdings in einen etwas kargen Rahmen gesetzt. Eine Wand mit
weißen Türen im Hintergrund, auf die Bühne getragene weiße Sessel, kaum
weitere Requisiten, viel gibt es nicht zu sehen. Nur im dritten Akt
wird die Aufführung der Oper „L’Oranzebe“ durch Barocktheaterkulissen
ironisiert, die an alte, etwas ausgebleichte Tintenzeichnungen erinnern.
Laut Calzabigis Libretto sollte der im dritten Akt gezeigte
Abbruch der „L’Oranzebe“-Aufführung durch aufmüpfiges Publikum
herbeigeführt werden, von dem das Fallen des Vorhangs gefordert wird
und das „Uh! Uh!“ schreit.
Pelly lässt in seiner Inszenierung hingegen „nur“ die Kulissen
zusammenbrechen. Laut einer Anmerkung im Programmheft fehlt in
Gassmanns Manuskript der den Tumult evozierende Chor aufrührerischer
Opernbesucher. (1)
Laurent Pelly und Christophe Rousset
als musikalischer Leiter am Pult der virtuosen Les Talens Lyriques
haben die Voraussetzungen für einen vorzüglichen Opernabend geschaffen,
dem – zugegeben – ein paar Striche nicht geschadet hätten, um die
dreieinhalb Stunden Aufführungsdauer (inklusive zweier Pausen) ein
bisschen abzuspecken. Christophe Rousset und Les Talens Lyriques waren
natürlich „historisch informiert“ unterwegs, im Klang mit feiner, etwas
trockener „Politur“.
Davon hat für meinen Geschmack mehr der barocke Anteil an Gassmanns
Musik profitiert als die „Frühklassik“, aber alles griff gleich einem
Uhrwerk wie mit feinen Zahnrädchen versehen ineinander.
Die Besetzung ist großteils schon bei den Aufführungen in Mailand mit dabei gewesen, was auch nur ein Vorteil sein konnte. Julie Fuchs
wurde am Beginn zwar vorsichtshalber wegen einer Erkältung angesagt,
ohne dass ihr Gesang davon beeinträchtigt schien. Als Stonatrilla und
erste Sängerin konnte sie ihren silbrigen, koloraturaffinen Sopran in
die Waagschale werfen. Sie war das Pendant zum ersten Sänger
Ritornello, den Josh Lovell mit leichter Timbrenasalität in seiner blasierten, eitlen Selbstüberheblichkeit vorzüglich verkörperte.
Weiters sorgten die übersensible Smorfiosa (Andrea Carroll) und die im Verhalten etwas kantige Porporina (Serena Gamberoni) für effektvolle Gesangseinlagen, während der Impresario von Pietro Spagnoli als
geplagter Strippenzieher mit nüchternem, textbezogenem Bariton seine
Truppe managte. Er war die Radnabe des Geschehens, ganz so wie es einem
Impresario zukommt, der voller geschäftssinnigem Enthusiasmus sich die
„Absurdität“ einer Opernunternehmung antut und der dem quasi
vorprogrammierten Scheitern mit durchtriebener Schlauheit zu entkommen
sucht.
Dazu gesellten sich noch der Librettist Delirio (Roberto de Candia), der Komponist Sospiro (Petr Nekoranec) sowie mit weichem Bariton Alessio Arduini als Tanzmeister – alle überzeugend ins „Setting“ der Produktion eingebunden. Die Schlussszene mit den „reifen“ Müttern (Alberto Allegrezza, Nicholas Tamagna, Filippo Mineccia)
kippte die Handlung ein wenig ins Absurde, so wie wenn Gassmann und
Calzabigi ihrem „Opera seria-Kakao“ im Finale ein bisschen zu viel
„Schlagobers“ spendiert hätten.
Der rund sieben Minuten lange Beifall schloss alle Beteiligten samt
Regieteam ein. Das Publikum wäre eigentlich festen Willens gewesen,
noch länger zu applaudieren, wäre seitens des Theaters nicht voreilig
der Vorhang gesenkt worden.
(1) Kai Weßler: Was soll das Theater? In: „L’opera Seria“. Programmheft des MusikTheaters an der Wien. Wien 2026