„Starke Frauen, schwache Männer“
(Dominik Troger)
„Vedi
vedi quel coniglio“ – nein, mit „Alice im Wunderland“ hat das nichts zu
tun. Dieses Kaninchen wurde bereits im 18. Jahrhundert gejagt, im Jahr
1762, in Venedig. Aber keine Sorge, dem Kaninchen passiert nichts, die
beiden jagenden Damen Cassandra und Ramira bringen eine fettere Beute
mit nach Hause: nämlich zwei Männer!
Baldassare
Galuppis 1762 in Venedig uraufgeführte Oper „L’uomo femmina“ beginnt
mit einem Kaninchen und einem Schiffsuntergang. Galuppi war damals der
große Star unter Venedigs Komponisten und er war auch ein großer Star
der Opera buffa. Die deutsche Wikipedia listet von ihm knapp über
hundert Opern, es gibt also einiges für die Bühne zu entdecken – zum
Beispiel das „Dramma giocoso“ in drei Akten „L’uomo femmina“.
Die in großen Teilen erhaltene Partitur der Oper wurde erst in den
2000er-Jahren in Lissabon aufgestöbert. Vincent Dumestre und das
Ensemble Le Poème Harmonique haben das Werk im Herbst 2024 in Dijon zur
szenischen Aufführung gebracht. Im Rahmen des Resonanzen-Festivals im
Konzerthaus war „L’uomo femmina“ jetzt in Wien zu Gast,
halbszenisch, und zum Teil in der Besetzung, die schon in Dijon dabei gewesen ist.
Starke Frauen, schwache Männer – die Handlung passt natürlich bestens
in unsere Zeit. Aber die beiden Schiffbrüchigen Roberto und sein Diener
Giannino bringen die amazonehafte Gesellschaftsordnung der Insel, auf
der sie stranden, schwer durcheinander – und am Schluss verzichtet
Prinzessin Cretidea, die Herrscherin der Insel, aus Liebe zu Roberto
auf ihre Macht. Der Brauch, dass sich Männer wie Frauen verhalten, sich
schminken, sich Kleider nähen usw., wird abgeschafft. Einerseits spielt
„L’uomo femmina“ amüsant und parodistisch mit Geschlechterrollen,
andererseits stellt die Oper am Schluss den Status quo des Patriachats
wieder her.
Galuppis Musik hat den Schematismus der Barockoper überwunden. Sie
besitzt zudem eine ansprechende Unverbindlichkeit, die das Libretto
erfrischend und pointiert auf den Punkt bringt. Sie überrascht immer
wieder mit solistischen Zugaben und verschließt sich auch lamentohaften
Zügen nicht. Wie mit leichter Hand komponiert ist Galuppis Musik von
für sie einnehmendem Reiz: gehobene Unterhaltung für das venezianische
Publikum anno 1762. Und wenige Jahre nach „L’uomo femmina“ wird sich
ein gewisser Wolfgang Amadeus Mozart in Sachen „Dramma giocoso“ mit „La
finta semplice“ auf eine Reise machen, die ihn bis zu „Cosi fan tutte“
führen wird. Bei Galuppi findet sich einiges davon „präformiert“: zum
Beispiel klug und stürmisch aus der Handlung entwickelte Ensembles, die
Mozart später – wie im „Figaro“ – zu höchster Blüte führen wird.
Das Ensemble Le Poème Harmonique unter Vincent Dumestre
machte seinem Namen alle Ehre, mit einem weichen, fein schattierten
Klang, und mit viel Gespür für den Humor des Librettos und die
Gefühlszustände der einzelnen Protagonisten. Das Spiel war akzentuiert,
aber nicht forsch, beließ der Musik bei aller Dramatik einen angenehmen
Wohlfühlschimmer. Das Orchester stand einem sehr gut ausgewählten
Ensemble bei, das die Handlung halbszenisch dezent auflöste: Es war
wegen des kleinen Orchesters genug Platz am Konzerthauspodium, um die
Auf- und Abtritte nachzuvollziehen, um am Beginn die beiden Damen auf
der „Pirsch“ zu zeigen (nur Kaninchen hat man keines zwischen den
Musikern versteckt).
Die Besetzung war ausgewogen, der eher helle, wohltönende Mezzo von Eva
Zaïcik war der Prinzessin Cretidea angemessen, während Lucile Richardot als Ramira für die tieferen, satteren Töne sorgte. Floriane Hasler bestand als Cassandra mit heller, leichterer Mezzostimme auf ihrer Mannbeute. Anas Séguin gab den putz- und eifersüchtigen Gesolmino mit viel Humor und eloquentem (Bass-)Bariton. Marc Mauillon, stimmlich zwischen hohem Bariton und Tenor angesiedelt, war mir eine Spur zu markant für die Rolle des Liebhabers, aber als „Gesellschaftsreformer“ kommt ihm im Rahmen der Handlung eine etwas zwiespältige Doppelfunktion zu. François Rougier steuerte überzeugend den wendigen Diener Giannino bei.
Das Publikum war von der Aufführung sehr angtan. „L’uomo femmina“ ist
eine bereichernde Neuentdeckung mit viel szenischem und musikalischem
Unterhaltungswert.