L'UOMO FEMMINA
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Konzerthaus
25.1.2026
Konzertante Aufführung

Musikalische Leitung: Vincent Dumestre

Ensemble: Le Poème Harmonique

Cretidea - Eva Zaïcik
Ramira - Lucile Richardot
Cassandra - Floriane Hasler
Roberto - Marc Mauillon
Giannino - François Rougier
Gesolmino - Anas Séguin


„Starke Frauen, schwache Männer
(Dominik Troger)

„Vedi vedi quel coniglio“ – nein, mit „Alice im Wunderland“ hat das nichts zu tun. Dieses Kaninchen wurde bereits im 18. Jahrhundert gejagt, im Jahr 1762, in Venedig. Aber keine Sorge, dem Kaninchen passiert nichts, die beiden jagenden Damen Cassandra und Ramira bringen eine fettere Beute mit nach Hause: nämlich zwei Männer!

Baldassare Galuppis 1762 in Venedig uraufgeführte Oper „L’uomo femmina“ beginnt mit einem Kaninchen und einem Schiffsuntergang. Galuppi war damals der große Star unter Venedigs Komponisten und er war auch ein großer Star der Opera buffa. Die deutsche Wikipedia listet von ihm knapp über hundert Opern, es gibt also einiges für die Bühne zu entdecken – zum Beispiel das „Dramma giocoso“ in drei Akten „L’uomo femmina“.

Die in großen Teilen erhaltene Partitur der Oper wurde erst in den 2000er-Jahren in Lissabon aufgestöbert. Vincent Dumestre und das Ensemble Le Poème Harmonique haben das Werk im Herbst 2024 in Dijon zur szenischen Aufführung gebracht. Im Rahmen des Resonanzen-Festivals im Konzerthaus war „L’uomo femmina“  jetzt in Wien zu Gast, halbszenisch, und zum Teil in der Besetzung, die schon in Dijon dabei gewesen ist.

Starke Frauen, schwache Männer – die Handlung passt natürlich bestens in unsere Zeit. Aber die beiden Schiffbrüchigen Roberto und sein Diener Giannino bringen die amazonehafte Gesellschaftsordnung der Insel, auf der sie stranden, schwer durcheinander – und am Schluss verzichtet Prinzessin Cretidea, die Herrscherin der Insel, aus Liebe zu Roberto auf ihre Macht. Der Brauch, dass sich Männer wie Frauen verhalten, sich schminken, sich Kleider nähen usw., wird abgeschafft. Einerseits spielt „L’uomo femmina“ amüsant und parodistisch mit Geschlechterrollen, andererseits stellt die Oper am Schluss den Status quo des Patriachats wieder her.

Galuppis Musik hat den Schematismus der Barockoper überwunden. Sie besitzt zudem eine ansprechende Unverbindlichkeit, die das Libretto erfrischend und pointiert auf den Punkt bringt. Sie überrascht immer wieder mit solistischen Zugaben und verschließt sich auch lamentohaften Zügen nicht. Wie mit leichter Hand komponiert ist Galuppis Musik von für sie einnehmendem Reiz: gehobene Unterhaltung für das venezianische Publikum anno 1762. Und wenige Jahre nach „L’uomo femmina“ wird sich ein gewisser Wolfgang Amadeus Mozart in Sachen „Dramma giocoso“ mit „La finta semplice“ auf eine Reise machen, die ihn bis zu „Cosi fan tutte“ führen wird. Bei Galuppi findet sich einiges davon „präformiert“: zum Beispiel klug und stürmisch aus der Handlung entwickelte Ensembles, die Mozart später – wie im „Figaro“ – zu höchster Blüte führen wird.

Das Ensemble Le Poème Harmonique unter Vincent Dumestre machte seinem Namen alle Ehre, mit einem weichen, fein schattierten Klang, und mit viel Gespür für den Humor des Librettos und die Gefühlszustände der einzelnen Protagonisten. Das Spiel war akzentuiert, aber nicht forsch, beließ der Musik bei aller Dramatik einen angenehmen Wohlfühlschimmer. Das Orchester stand einem sehr gut ausgewählten Ensemble bei, das die Handlung halbszenisch dezent auflöste: Es war wegen des kleinen Orchesters genug Platz am Konzerthauspodium, um die Auf- und Abtritte nachzuvollziehen, um am Beginn die beiden Damen auf der „Pirsch“ zu zeigen (nur Kaninchen hat man keines zwischen den Musikern versteckt).

Die Besetzung war ausgewogen, der eher helle, wohltönende Mezzo von
Eva Zaïcik war der Prinzessin Cretidea angemessen, während Lucile Richardot als Ramira für die tieferen, satteren Töne sorgte. Floriane Hasler bestand als Cassandra mit heller, leichterer Mezzostimme auf ihrer Mannbeute. Anas Séguin gab den putz- und eifersüchtigen Gesolmino mit viel Humor und eloquentem (Bass-)Bariton. Marc Mauillon,  stimmlich zwischen hohem Bariton und Tenor angesiedelt, war mir eine Spur zu markant für die Rolle des Liebhabers, aber als Gesellschaftsreformer kommt ihm im Rahmen der Handlung eine etwas zwiespältige Doppelfunktion zu. François Rougier steuerte  überzeugend den wendigen Diener Giannino bei.

Das Publikum war von der Aufführung sehr angtan. „L’uomo femmina“ ist eine bereichernde Neuentdeckung mit viel szenischem und musikalischem Unterhaltungswert.