MONDPARSIFAL ALPHA 1-8
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Theater an der Wien
4. Juni 2017
Uraufführung

Dirigent: Simone Young

Libretto: Bernhard Lang nach Richard Wagner
IRegie, Bühne, Kostüme: Jonathan Meese

Klangforum Wien
Arnold Schönberg Chor

Koproduktion Wiener Festwochen, Berliner Festspiele

Parzefool / Parsifal - Daniel Gloger
Cundry / Kundry - Magdalena Anna Hofmann
Gurnemantz / Gurnemanz - Wolfgang Bankl
Amphortas / Amfortas - Tómas Tómasson
Clingsore / Klingsor - Martin Winkler
Vier Blumenmädchen - Manuela Leonhartsberger, Marie-Pierre Roy, Melody Wilson, Xiaoyi Xu
1. Knappe - Johann von der Deken
2. Knappe - Sven Hjörleifsson
1. Gralsritter - Alexander Kaimbacher
2. Gralsritter - Andreas Jankowitsch


Die Wunde heißt Ideologie“ (*)
(Dominik Troger)

Der „Mondparsifal Alpha 1-8 (Erzmutterz der Abwehrz)“ ist im Theater an der Wien gelandet. Künstler Jonathan Meese und Komponist Bernhard Lang haben eine riesige „Wagner-Trivialisierungs- und Paraphrasierungsmaschine“ in Gang gesetzt, die dem Publikum nach vier Stunden endlich die zentrale Botschaft übermittelt: „Erlösung von Erlösern“.

Aber wo beginnen? Vielleicht ist es zuerst hilfreich, die Elemente zu beschreiben, aus denen der Abend im Wesentlich besteht: das Orchester, das mit allerhand grafischen Elementen angereicherte Bühnenbild, die Sängerinnen und Sänger und ihre oft sehr speziellen Kostüme, der gesungene Text, ein rot markierter „Subtext“, der zusätzlich eingeblendet wird, lange Ausschnitte aus Fritz Langs „Nibelungenfilm“ – und zu den beiden Verwandlungsmusiken liefert Jonathan Meese, in der rechten Parterreproszeniumsloge sitzend, eine kleine künstlerische Performance ab, die mittels Projektion auf die Bühne übertragen wird.

Die Handlung orientiert sich an Wagners „Parsifal“, im Wesentlichen der Szenenfolge „nachschreitend“. Es gibt also drei Akte, die Aufführungsdauer mit zwei Pausen beläuft sich auf rund vier Stunden. Das Libretto wurde stark gekürzt, zum Teil verfremdet. (Neben der deutschen Sprache kamen auch Englisch, Französisch (Blumenmädchen) und Altgriechisch zum Einsatz.) Ähnlich ist Bernhard Lang bei der Musik vorgegangen: Hier wird paraphrasiert und verjazzt und vor allem „wiederholt“. Bei Lang erzeugen die Wiederholungen in diesem Fall aber selten „minimalistischen Drive“ oder tranceartige Zustände, sondern es klingt danach, als möchte er Wagners nach Emotionen gierende Weitschweifigkeit aus dem Fluss bringen indem er ihr immer wieder ein Bein stellt und so ihren „Mystizismus“ dechiffriert: „der reine Tor – Tor – Tor – Tor – Tor“ oder so ähnlich.

Wenn Lang sich von Wagner abwendet und das Orchester jazzig aufmischt, dann bekommt dieser „Mondparsifal“ sogar revueähnlichen Schwung. Dass beim Schwanentod im ersten Aufzug „Lohengrin“ erklingt, sorgt für gut berechnete Heiterkeit im Publikum. Sogar eine singende Säge hat sich in das üppig instrumentierte Orchester gemischt (und natürlich gibt es auch ein Akkordeon, umfangreiches Schlagwerk, fetzige Saxiphonpassagen sowie elektronische Zuspielungen). Die Aneignung der „Parsifal“-Partitur durch Bernhard Lang wird einmal ein schönes Dissertationsthema abgeben, vom „zerkratzten“ Gralsmotiv bis zum fast schon zu „vertrauensseligen“ Nachzeichnen der Verwandlungsmusik und des Amfortas drohenden Chores im dritten Akt. Der musikalische Aufwand, der betrieben wurde, war jedenfalls enorm, und bezogen auf die Aufführungsdauer von zunehmend auslaugender Güte.

Der Abend begann mit der Aufforderung MÜTZE AB, die in roten Lettern auf den beiden Mitlesezeilen erschien, die im Theater an der Wien rechts und links seitlich der Bühne angebracht sind. Simone Young hatte sich schon vor Beginn ans Pult „geschlichen“, es gab für sie keinen Auftrittsapplaus (erst nach den beiden Pausen). Die „Ouvertüre“ begann pianissimo, fast „rheingoldartig“ (immer wieder von störenden Hustern aus dem Publikum begleitet), dann weckte Gurnemanz mit mehrmaligem „Ho“, „Ho“ „Ho“ seine Knappen und der Abend nahm seinen Lauf.

Alle Details des Bühnenbildes und der Kostüme zu schildern, würde aus dieser Beschreibung einen Roman machen – und dann könnte doch etwas Wesentliches vergessen worden sein. Meese ersetzt die „religions-symbolische Ebene“ von Wagners „Parsifal“ vor allem durch „Trivialkultur“: Amfortas (bei Meese Amphortas) ist offenbar Captain Kirk aus dem Raumschiff Enterprise, dem ein Chor von Vulkaniern (man beachte die spitzen Ohren!) als „Gralsritter“ untersteht. Kundry wandelt sich von Richard Wagner (1. Akt) zu Barbarella im zweiten und Kriemhild im dritten. Parsifal erscheint in den ersten beiden Akten im roten, viel nackte Haut zeigenden Zardoz-Kostüm, und wird dann im dritten in eine goldene Rüstung verfrachtet (Zeus mit Blitz alias Speer).

Neben vielen Querverweisen auf Science-Fiction-Filme hat Meese auch reichlich Groschenromane ausgewertet. Sogar auf „Perry Rhodan“, eine deutschsprachige, seit 1961 durchgehend (!!) wöchentlich erscheinende Science-Fiction-Serie im Heftromanformat, hat er nicht vergessen, und erwähnt sie in seinem „ominösen“ roten Subtext. Meese ist laut Wikipedia Jahrgang 1970 und scheint damit auch Jugenderinnerungen auszuleben, denn die große Zeit der Heftromane ist schon lange vorbei. Die vielen Querverweise lesen sich wie ein Telefonbuch, immerhin mischt sich sogar Schopenhauer zwischen Marquis de Sade und Dr. No. Gurnemanz erinnerte ein wenig an den Künstler selbst – mit den berühmten drei Streifen auf der Jacke.

Manchmal ergibt sich der Eindruck, dass Meese Wagner wie ein trotziger Bub auf die Zehen steigen möchte, obwohl er Wagner auch sehr zu bewundern scheint. Aber viele wichtige Fragen zum „Mondparsifal“ werden womöglich für immer ungelöst bleiben: Warum haust Gurnemanz in einem riesigen weißen „Gefrierschrank“ und vertilgt dort riesige Hängeschinken? Ist die Gleichung SpongeBob = Gral (Taube) gültig ? Ist Humpty Dumpty im Theater an der Wien schon einmal aufgetreten? Hat die Mondlandung erst im Juni 2017 bei den Wiener Festwochen stattgefunden?

Die Bühne stellt am Beginn eine Art weißes Gebirge dar. In Folge wird der Schwan als roter Drache erscheinen, ein Raumschiff wird über die Bühne fliegen, die Gralsgesellschaft wird ihre „Feier“ abhalten, und nach rund 75 Minuten wird die Pause beginnen. Parsifal bekommt von Gurnemanz noch einen Luftballon geschenkt, bevor er sich seine Gans suchen soll. Aber Überraschung: Der erste Akt wird sich als teils sogar amüsantes, jedenfalls nicht wirklich langweilendes Musiktheaterexperiment erweisen, dessen augenzwinkernden Blick auf Richard Wagner man dem Künstlerduo Meese/Lang noch wohlwollend abkauft.

Doch im zweiten Akt verlor die Produktion rasch den sprichwörtlichen „Boden unter den Füßen“: ein Klingsor, der in einem aus Stroh gebauten „Hochstand“ hockt, und einen großen Plüschbären mit einem in Schüben auftretenden frühkindlichen „Fäkalismus“ malträtiert, eine Kundry, die in einem Kanu angefahren kommt, und wieder der Zardoz-„Parsifal“. Was sich bei Wagner im besten Fall zu einem Psychokrimi auf offener Bühne auswächst – die Verführungsversuch Kundrys, der erfolgreiche Versuch Parsifals, sich aus Kundrys kussbesticktem Spinnennetz zu befreien – geriet im „Mondparsifal“ zu wenig ergötzlicher Langeweile. Die Meese-Kundry konnte es mit der durch quasi mythische Ablagerungen erosgereiften, urmütterlichen Wagner-Kundry bei weitem nicht aufnehmen. (Ein sexy Kostüm allein erzeugt noch keine Erotik.) Die Verführungskraft der Blumenmädchen im frühpubertären „Sailor-Moon“-Matrosenanzug hielt sich in sehr engen Grenzen. Am Schluss dieses belanglosen Techtelmechtels ging der Strohhüttenhochstand in Flammen auf und Parsifal nahm überraschender Weise Klingsor im Kanu mit.

Im dritten Akt wurden lange Ausschnitte von Fritz Langs Nibelungenfilm gezeigt – und die wurden so überdimensional groß auf die Theater-an-der-Wien-Bühne projiziert, und die waren so schwer beeindruckend, dass man Meese und Lang darüber schnell vergessen konnte. Man gab Siegfrieds Tod, den Untergang der Burgunder, und dann noch die Szene, in der der böse Hagen Kriemhild das Geheimnis von Siegfrieds Verwundbarkeit entlockt. Mit der Verwandlungsmusik, als sich Lang wieder stark an Wagner orientiert hat, steuerte der Abend dem Finale entgegen, an das ich mich jetzt aber nicht mehr wirklich erinnere. Aber da war doch was? „Erlösung von Erlösern!“. Nun, darüber lässt sich ja reden, vielleicht bei einem Glaserl Wein oder einem Bier. Jedenfalls fühlt man sich nach vier Stunden „Mondparsifal“ schon ein bisschen ausgebrannt und gequält von den engen Sitzen im Theater an der Wien – oder anders formuliert, damit es auch der maßgebliche Künstler selbst verstehen möge: ZUVIEL GESITZT MEEZEZ ERZREGIZZEURS MONDFAHRTZ

Daniel Gloger – ein Countertenor als Parsifal (auch so eine Mittel zur Dekonstruktion) – war körperlich und gesanglich außerordentlich gefordert und erhielt nach meinem Eindruck berechtigter Weise den meisten Schlussjubel. Zumindest er dürfte mit Mikroport gesungen haben, um über das (vor allem im zweiten Akt) phasenweise recht „dicke“ und laute Orchester zu kommen. Mit dem spielfreudigen Martin Winkler hatte man einen darstellerisch und gesanglichen „Charakterkopf“ als Klingsor zur Hand, und auch Wolfgang Bankl war von seinem Habitus und Stimmtypus als gar nicht so salbungsvoller Gurnemanz eine vorzügliche Besetzung. Dazu gesellten sich Magdalena Anna Hofmann als gesanglich und darstellerisch ebenso präsente Kundry,sowie Tómas Tómasson als ebensolcher Amphortas. Der Arnold Schönberg Chor gab einmal mehr ein Beispiel seines weitgespannten Repertoires, diesmal mit dem „trivaleskem“ Charme von Teenager-Matrosengirls und Extraterrestriern. Simone Young am Pult des lustvoll und präzise aufspielenden Klangforum Wien sorgte für eine – zumindest nach dem gehörten Ersteindruck – adäquate Umsetzung.

Der Applaus wurde mit ein paar Buhrufen angereichert, aber die fielen kaum ins Gewicht. Starker Jubel umbrandete die Beteiligten, unter die sich auch der Komponist und natürlich Jonathan Meese höchstpersönlich mischten – Meese mit den „berühmten“ weißen drei Ärmelstreifen dekoriert und offenbar ganz aus dem Häuschen. An diesem Abend hat sich ein Künstlertraum erfüllt – hätte Meese doch 2016 in Bayreuth für eine neue „Parsifal“-Inszenierung sorgen sollen und war dann wieder ausgeladen worden.

* siehe: Jonathan Meese „Mondparsifal Tagebuch ab 21. 5. 2017“